Caritas startet Inforeihe “Zusammen stark gegen Gewalt”/Vorbeugend in der Kita ansetzen/Schutz und Perspektiven für Frauen und Männer

Diözese Münster (cpm). Erst vielleicht nur anschweigen oder lächerlich machen und dann zuschlagen. Gewalt hat viele psychische Facetten und und nicht nur handgreifliche, aber weniger schlimm ist sie deshalb nicht. Darüber will die Caritas in der Diözese Münster informieren und mit Fachleuten nach Lösungswegen suchen, Gewaltspiralen zu durchbrechen. Online startete die auf ein halbes Jahr angelegte Veranstaltungsreihe “Zusammen stark gegen Gewalt” mit einer Diskussionsrunde zu Gewalt in Beziehungen und Patenschaften.

Gewalt an sich ist noch nicht negativ, erklärte der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Münster, Dr. Christian Schmitt. In Form der staatlichen Gewalt in Gesetzgebung oder Polizei diene sie dem Schutz der Gesellschaft. In einer Partnerschaft aber habe sie nichts zu suchen. Das tatsächliche Ausmaß ist allerdings erschreckend: 30.000 Fälle sind im vergangenen Jahr bekannt geworden, eine Zunahme von 7,7 Prozent. Wobei Nicole Stange, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Münster mit langjähriger Erfahrung in der Frauenhausarbeit, von einer Dunkelziffer um die 80 Prozent ausgeht, weil Übergriffe aus Scham oder falsch verstandener Loyalität nicht angezeigt würden. 

Mit 70 Prozent richtet sich die Gewalt überwiegend gegen Frauen. Für sie gibt es in Münster drei Frauenhäuser, zwei in Trägerschaft des SkF. Alle 32 Plätze seien durchgehend voll belegt, so Nicole Stange. Zunächst gehe es hier um Schutz für die Frauen und ihre Kinder, im nächsten Schritt darum, Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und die eigenen Stärken zu fördern. Trotzdem gingen manche Frauen zurück zu ihrem Partner und dies zum Teil sogar mehrfach.

40 Jahre nach Gründung der ersten Frauenhäuser nehme man inzwischen teilweise Frauen auf, die schon als Kinder mit ihren Müttern dort waren, berichtete Stange. Vorbeugung müsse deshalb früh ansetzen, schon in der Kita müsse gewaltfreie Kommunikation thematisiert werden. 

Auf das Durchbrechen der Gewaltspirale, im besten Fall sogar Gewalt noch im Vorfeld zu verhindern, setzt die Gewaltberatung für Männer, die vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in Münster ausgehend seit zehn Jahren ausgebaut wird. Männer hätten häufig nicht gelernt, sich mit Worten zu wehren, nach wie vor lebten sie das Bild, dass Männer keine Probleme haben, sondern schöben sie von sich: “Meine Frau ist das Problem”, sei ihre Sicht, erklärte Dr. Bernhard Hülsken, der dieses Arbeitsgebiet im Diözesancaritasverband Münster verantwortet. 

Da diese Sicht und das sich daraus ergebende Verhalten erlernt sei, bestehe die Chance, es auch wieder zu verlernen und neue Kommunikationsformen einzuüben, so Hülsken. Bewusst sei deshalb als Titel für die Gewaltberatung “Echte Männer reden” gewählt worden. Angesichts des Ausmaßes an Gewalt in Partnerschaften  werde das Netzwerk erweitert. Sechs Standorte gebe es inzwischen in der Diözese Münster, weitere vier Berater befänden sich derzeit in der mehrjährigen Fortbildung dazu. 

Auch Nicole Stange sieht die Notwendigkeit, das Angebot des SkF auszubauen, um mehr Frauen zu erreichen und die HIlfe nachhaltiger zu gestalten. Die Fachberatung “Häusliche Gewalt” habe 77 Neufälle in 2020 verzeichnet, aber es gebe mit Sicherheit noch mehr Bedarf. Mit “Zwischenwohnungen” und Nachberatung sollen im Projekt “Second Stage” die Frauen gestärkt werden, nach dem Frauenhaus ein selbständiges Leben aufzubauen. Gut vorstellen könne sie sich auch ein Kompetenzzentrum zum Thema Gewalt in Münster. 
Um von mehr Fällen zu erfahren oder sie frühzeitig zu verhindern, appellierte Nicole Stange, hinzuschauen und gegebenenfalls Paare anzusprechen bei Anzeichen von psychischer oder körperlicher Gewalt: “Jeder muss aufmerksam sein.”